• 80 Prozent der Mitarbeiter der Fleischindustrie werden in Osteuropa rekrutiert. Den meisten Österreichern ist die Arbeit zu hart und zu gering bezahlt.
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  • Große Schlachthäuser verarbeiten in Österreich wöchentlich bis zu 10.000 Schweine. Für deutsche Verhältnisse sind das Peanuts.
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  • Knochenjob: Fleischer starten in Österreich mit einem Monatslohn von 1.500 Euro. Anders als in Deutschland wird hierzulande im Rahmen des Kollektivvertrags abgerechnet.
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Neuigkeiten vom 27.05.2020

Der Preis des Fleisches: Über die Arbeit in Österreichs Schlachthöfen

Die Krise offenbart menschenverachtende Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen. Sind die Zustände in Österreich besser? Ein Blick hinter die Kulissen

Sie schlachten Rinder und Schweine im Akkord, verarbeiten Fleisch am Fließband, bis es ansehnlich zerlegt in Cellophan eingeschweißt oder in Kisten gepackt im Handel landet. Für den Job pendeln sie vielfach hunderte Kilometer quer durch Europa und leben wochentags in Massenquartieren auf engstem Raum. Der ohnehin magere Lohn wird durch überteuerte Unterkünfte, Geld für Messer und Arbeitskluft beschnitten. Unbezahlte Überstunden und falsche Gehaltsabrechnungen haben im intransparenten Netzwerk der unzähligen Subfirmen System.

Die prekären Arbeitsbedingungen der deutschen Fleischindustrie stoßen Gewerkschaftern seit Jahren bitter auf. Die Regierung blieb tatenlos, nur vereinzelt gab es Zugeständnisse an die Arbeitnehmer, Mindestkriterien für Unterkünfte etwa. Bis die Corona-Krise den Blick auf die Branche lenkte. In den deutschen Schlachtbetrieben, die sich vieler Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien bedienen, aber auch Leiharbeiter aus Weißrussland und der Ukraine holen, häuften sich Infektionen mit Covid-19. Seither gehen in der Politik die Wogen hoch.

Moderne Sklaverei

Von moderner Sklaverei ist die Rede, von schockierenden und menschenverachtenden Zuständen. Das deutsche Bundeskabinett will nun in der Fleischindustrie per Jahreswechsel Werkverträge und Leiharbeit, die zu Missbrauch verleiten, verbieten. Auch Debatten über billige Lebensmittel sind neu entflammt: Vielerorts ertönt der Ruf nach Mindestpreisen, höheren Steuern und Werbeverbot für günstiges Fleisch.

Welche Folgen haben die Turbulenzen für Österreich? Wer profitiert hierzulande von der Ausbeutung in Deutschland? Und unter welchen Bedingungen arbeiten Osteuropäer in hiesigen Schlachthöfen? Die Antworten fallen divers aus.

Deutlich höhere Lohnkosten

Norbert Marcher verarbeitet mit 1.800 Mitarbeitern jährlich rund eine Million Schweine und 130.000 Rinder. Sein Betrieb ist mit fünf Schlachthöfen in Österreich der größte der Branche. Für ihn liegen zwischen der Situation in den zwei Ländern Welten. In Deutschland beträgt der Mindestlohn für Fleischer nur knapp mehr als neun Euro pro Stunde, rechnet er vor. Pflicht zum 13. und 14. Gehalt gibt es wegen fehlender Tarifverträge keine. In Österreich sind alle Fleischer nach dem Kollektivvertrag zu bezahlen. Inklusive der Sonderzahlungen gilt ein Mindestlohn von fast 15 Euro. "Unsere Lohnkosten sind damit um mehr als 58 Prozent höher."

Wie in Deutschland lagern auch einzelne österreichische Schlachthöfe Mitarbeiter an Subfirmen aus. Diese Praxis sei aber unüblich, sagt Marcher. Er selbst beschäftige keine Wanderarbeiter. Die meisten seiner langjährigen Mitarbeiter seien ungarische und kroatische Wochenendpendler. "Ihre Loyalität ist hoch." Sie bewohnten betriebseigene Wohnungen, die regelmäßig von Putzpersonal gereinigt würden. Zwei, maximal vier Personen teilten sich eine Unterkunft. Er selbst verdiene an den Quartieren nichts.

Harter Preiskampf

Gute Fachkräfte zu finden werde immer schwieriger, ergänzt Marcher, zumal auch die Löhne in Ungarn deutlich stiegen. Der Anreiz, nach Österreich zu pendeln, sinke. Dass in seiner Branche verglichen mit anderen nicht viel zu verdienen sei, lässt er unbestritten. "Ich würde gern mehr zahlen, aber der harte Preiswettbewerb lässt es nicht zu."

Fleisch gilt im Lebensmittelhandel nach wie vor als Lockvogel, der keine großen Umsätze, dafür Kundenfrequenz bringt. Österreichs Supermärkte legen bei Frischfleisch großen Wert auf regionale Ware. Verarbeitetes Fleisch trägt hingegen kein Mascherl. Bei Aktionsware rückt die Herkunft in den Hintergrund.

Verzerrter Wettbewerb

Auch Klaus Grandits, der an zwei Standorten in Österreich vorwiegend Rinder schlachtet, arbeitet, wie er sagt, ausschließlich mit eigenem Personal. Viele seiner 200 Leute pendelten täglich aus Ungarn. Quartiere für jene, deren Anreise weiter sei, biete er selbst keine an, helfe aber bei der Suche. Private verlangten dafür monatlich etwa 200 Euro.

Kollegen bedienen sich Grandits zufolge mitunter Leasingpersonals, um flexibler auf schwache Saisonen wie den Sommer, in dem viele Rinder auf der Weide stehen, reagieren zu können. Aber auch sie müssten diese Kräfte nach dem österreichischen Kollektivvertrag abgelten. Wie Marcher beklagt Grandits massive Marktverzerrung durch das deutsche Lohndumping. Denn Personalkosten sind in der Fleischindustrie neben Energie der größte Kostenbrocken. Die Österreicher exportieren ebenso in alle Weltmärkte wie die Deutschen. Die ungleiche finanzielle Belastung stärkt Deutschland im Vergleich zu Fleischnationen wie den Niederlanden, Frankreich, Dänemark, aber auch Österreich.

Hochkonzentriert

Marcher und Grandits zählen neben Alpenrind, Steirerfleisch, Großfurtner, Handlbauer und Hütthaler zu den größten der in Summe rund 200 Betriebe mit Schlachtbefähigung in Österreich. 80 Prozent ihres Personals stammen aus Osteuropa, mehrheitlich aus Ungarn. Der Markt ist vor allem auf dem Rindersektor hochkonzentriert: Eine Handvoll Unternehmer teilt sich das Geschäft weitgehend auf. Bei Schweinen reiht sich unter die Großen, wer wöchentlich bis zu 10.000 Tiere verarbeitet. Etwa 20 Betriebe schlachten wöchentlich zwischen 1.000 und 4.000 Schweine.

Im Vergleich zu Deutschland sind das Peanuts. Der Umsatz der gesamten österreichischen Fleischindustrie wiegt mit drei Milliarden Euro gerade einmal so viel wie jener eines einzelnen deutschen Branchenriesen. Dass die mächtige Konkurrenz nun dazu gezwungen ist, Missstände bei Entlohnung, sozialer Absicherung und Unterkünften zu beseitigen, halten die Österreicher für längst überfällig.

"Unwürdig für Europa"

Viel zu lang sei der Markt dadurch schon verzerrt worden, zieht Anka Lorencz, Chefin der Bundesinnung des Lebensmittelgewerbes in der Wirtschaftskammer, Bilanz. "Zustände, wie sie sich in etlichen deutschen Betrieben abspielen, sind eines Europas des 21. Jahrhunderts unwürdig." Österreich kopple sich davon in jeder Hinsicht scharf ab.

Auch Erwin Kinslechner wirft Österreichs Fleischindustrie nicht mit der deutschen in einen Topf. Von einer heilen Welt sei die Branche mit ihren 12.000 Beschäftigten aber auch hierzulande weit entfernt, betont der Gewerkschafter. Kinslechner, der regelmäßig die Löhne der Fleischverarbeiter verhandelt, erzählt von desolaten Wohneinheiten, mit denen sich Arbeitgeber ein steuerlich gut absetzbares Körberlgeld verdienten, und von fehlenden Zuschlägen für Überstunden. Sobald einer angelernt sei, habe er monatlich Anspruch auf rund 1.800 Euro brutto. Auf dem Papier. In der Praxis verharre manch einer unfreiwillig in der untersten Lohnkategorie.

Heimreise mit 900 Euro

Viele Arbeiter verdienten monatlich nur 1.200 Euro netto, abzüglich des Quartiers fuhren sie mit gerade einmal 900 Euro heim, sagt Kinslechner. "Wer sich wehrt, riskiert seinen Job." Das gelte häufig auch für jene, die versuchten, einen Betriebsrat zu gründen. Aber wo kein Kläger, sei auch kein Richter. "Es braucht hier einfach mehr Kontrollen."

Lorencz spricht von einzelnen schwarzen Schafen und nur wenigen Fällen von nachweislichem Missbrauch. Diese seien jedoch allesamt zur Anzeige gebracht worden. "Wir haben hier null Toleranz."

Dorn im Auge ist Kinslechner, dass Schlachthäuser historisch bedingt dem Gewerbe zugeordnet sind: Ihre wöchentliche Arbeitszeit ist damit um eineinhalb Stunden länger als jene der Industrie. Auch lasse es die Branche nach wie vor nicht zu, Umkleidezeit als Arbeitszeit zu verbuchen.

Sicherung der Grundversorgung

Dass der Lebensmittelhandel seinen Mitarbeitern im Zuge der Corona-Krise Prämien angedeihen lässt, stimmt ihn nachdenklich. Auch die Fleischverarbeiter, unter denen in Österreich bisher kein Fall von Covid-19 registriert wurde, sicherten die Grundversorgung. Sie legten dafür während der Hamsterkäufe in den Supermärkten mitunter bis zu 16-Stunden-Tage hin. "Da wäre ein Corona-Tausender angebracht."

"Wie kann es sein, dass sich Ausbeutung rechnet?", fragt Sebastian Bohrn Mena, Initiator des Tierschutzvolksbegehrens, mit Blick nicht nur auf Deutschland. Er erinnert daran, dass internationales Billigfleisch über die Gastronomie, den Großhandel und die Lebensmittelindustrie auch auf Österreichs Tellern landet. "Wir treiben die Nachfrage mit an." Österreich kaufe es überdies mit Steuergeld für öffentliche Küchen ein, für Schulen etwa, Kindergärten und Spitäler. "Wir dürfen keine Verklärung unseres Landes als Feinkostladen betreiben."

"Keine künstliche Verteuerung"

Bohrn Mena hält wenig davon, Fleisch über Steuern künstlich zu verteuern. Das schaffe neue soziale Ungerechtigkeit, treffe jene, die es sich schon jetzt kaum leisten könnten. Auch reduziere es nicht den Fleischkonsum. Klüger sei es, bei der öffentlichen Beschaffung anzusetzen, über Förderungen steuernd einzugreifen und die Herkunft transparenter zu machen. "Die Probleme in Deutschland gehen auch Österreich an. Sie sind ein Warnsignal, was passieren kann, wenn kleinteilige Landwirtschaft in sich zusammenbricht." (Verena Kainrath, 28.5.2020)

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117742892/der-preis-des-fleisches-ueber-knochenjobs-schlachthoefen