Foto: © Marcher Fleischwerke/Martin Steiger

Neuigkeiten vom 01.09.2021

Authentizität macht den Arbeitgeber attraktiver

Georg Marcher über die ambitionierte Lehrlingsoffensive der Marcher Fleischwerke und den Fachkräftemangel.


••• Von Sabine Bretschneider

VILLACH. Die Debatte um den Fachkräftemangel wird in einigen Branchen wieder lauter geführt. Zuletzt klagten zwei bekannte Bäcker über zunehmende Probleme bei der Stellenbesetzung. Auch die Lehrlingssuche gilt seit Längerem als Herausforderung. Sehr engagiert in der Lehrlingsausbildung präsentiert sich das Villacher Familienunternehmen Marcher Fleischwerke. Hier startete man vor zwei Jahren ein umfassendes Ausbildungsprogramm für Lehrlinge. medianet sprach darüber mit Georg Marcher, dem Verantwortlichen für die Lehrlingsoffensive.

medianet: 
Der Fachkräftemangel ist ein wiederkehrendes Thema der vergangenen Jahre. Zuletzt klagten Bäckereien über zunehmende Schwierigkeiten bei den Stellenbesetzungen. Wie sieht die Situation in Ihrer Branche aus?

Georg Marcher: Seit Jahrzehnten ist Fleischerfacharbeiter bzw. Fleischerfacharbeiterin ein Mangelberuf in Österreich, deshalb greift die Fleischwirtschaft auf Fachkräfte aus Nachbarländern wie Tschechien, Slowenien und Ungarn zurück. Bei all unseren neun Betrieben sind zahlreiche Arbeitskräfte aus dem nahen Ausland beschäftigt, die seit vielen Jahren wertvolle Leistungen erbringen und loyal zu unserem Unternehmen stehen. Aber nicht nur hier besteht ein Bedarf. Wir haben zum Beispiel derzeit ca. zehn offene Technik-Stellen ausgeschrieben, darunter Mechatronikerinnen und Mechatroniker, Elektrikerinnen und Elektriker, Technikerinnen und Techniker.

medianet: 
Auch am Lehrstellenmarkt sieht es dem Vernehmen nach nicht allzu rosig aus. Wie viele Lehrlinge bilden Sie zurzeit in Ihrem Unternehmen aus – und gibt es zum jetzigen Zeitpunkt unbesetzte Stellen?

Marcher: Wir bilden derzeit neun Lehrlinge an vier unserer Standorte aus. In Oberwaltersdorf suchen wir gerade einen Lehrling im Bereich Lebensmitteltechnik. Aber auch an unseren anderen Standorten suchen wir Verstärkung für unser Team und bieten Lehrstellen im Bereich Mechatronik oder Fleischverarbeitung an.

medianet: 
Sie bieten also Lehrplätze nicht, wie man annehmen könnte, nur in der Fleischverarbeitung an …

Marcher: Die Ausbildungsgebiete bei uns im Unternehmen sind äußerst vielfältig – von der Fleischverarbeitung und Lebensmitteltechnik über Anlagen- und Betriebstechnik bis hin zur Mechatronik und IT-Technik.

medianet: Wie hat sich der Lehrstellenmarkt durch Corona verändert?

Marcher: Bereits vor Corona war es schwierig, Lehrlinge zu finden – und leider ist es noch immer so. Für uns hat sich daher nichts verändert.

Die Corona-Pandemie hat aber gezeigt, dass die Lebensmittelbranche sehr stabil durch die Krise kommt und sichtlich systemrelevant ist. Somit hoffen wir, dass junge Menschen hier ihre Chance sehen und ergreifen – denn wir haben die Möglichkeit, Ihnen einen hervorragenden Start in ihre berufliche Zukunft zu ermöglichen.

medianet: Ihr Unternehmen gilt als sehr engagiert in diesem Bereich. Was zeichnet Ihre Programme konkret aus?

Marcher: Wir haben uns eingehend mit den Bedürfnissen junger Jobeinsteiger beschäftigt und haben mit unseren Erkenntnissen ein flexibles Modell für die Lehre bei uns entwickelt. Dadurch können wir auf die unterschiedlichen Startbedingungen der Lehrlinge optimal eingehen und ihnen eine Ausbildung bieten, die wirklich ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht.

In der klassischen Lehre bekommen Lehrlinge bei uns zusätzlich zum Ausbilder – der verantwortlichen Fachkraft – eine Patin bzw. einen Paten als Vertrauensperson zugeteilt, die sie gerade in der Anfangsphase bei der Orientierung bei uns im Unternehmen unterstützen. Um auch einen Blick über den Tellerrand zu gewinnen, bieten wir Exkursionen im In- und Ausland in andere Betriebe an. 

Auch Zusatzausbildungen, wie zum Beispiel der Einblick in eine EDV-Lehre oder ein externer Fleisch-Sommelier-Kurs, runden bei uns das Ausbildungsprogramm ab.

medianet: Im Fokus Ihres Ausbildungsprogramms stehen auch Maturanten. Warum sollte diese Zielgruppe einen Lehrabschluss – als Alternative etwa zu einer universitären Ausbildung – wählen?

Marcher: Die Lehre nach der Matura ist vor allem für jene Abgänger höherer Schulen interessant, die zwar nicht studieren, aber dennoch eine qualifizierte Ausbildung im Lebensmittelbereich erhalten wollen. Auch ist für viele die Kombination aus Theorie und Praxis der Grund für eine Lehre nach der Matura. Weitere Anreize sind die Möglichkeit einer verkürzten Lehrzeit, ein erhöhtes Gehalt und in kurzer Zeit viel Verantwortung zu übernehmen und so rasch Karriere bei uns zu machen.

medianet: 
Employer Branding gilt als Zauberformel, um qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu binden. Mit welchen Angeboten versucht Ihr Unternehmen, attraktiv für Lehrlinge zu sein?

Marcher: Unsere potenziellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen sich die vielfältigen Informationsquellen zunutze, die ihnen das Internet bietet. Mit unseren Marken Landhof, Loidl, Die Ohne und der Fleischwerkstatt sind wir auf Facebook und Instagram vertreten. Auf unserem Unternehmens-profil bei LinkedIn posten wir regelmäßig spannende Insights und News.

Uns liegt es am Herzen, dass jede Bewerberin, jeder Bewerber einen authentischen Eindruck vom Unternehmen gewinnen kann. Denn je authentischer und transparenter, desto attraktiver werden wir wahrgenommen.

medianet: Handelsketten bieten Goodies wie etwa den B-Führerschein und Überzahlung an. Welche Benefits erwarten Lehrstellensuchende bei den Marcher Fleischwerken?

Marcher: Auch bei uns gibt es diese Goodies. Die Entlohnung liegt bei uns über der kollektivvertraglichen Lehrlingsentschädigung, und für gute Zeugnisse gibt es Leistungsprämien. Auch wird bei entsprechender Leistung der B-Führerschein bezahlt. Wer sich für eine Lehre mit Reifeprüfung entscheidet, dem werden die gegebenenfalls anfallenden Kosten zur Gänze übernommen – egal ob für Vorbereitungskurse, Unterlagen oder Prüfungen.

medianet: Und welche Karrierewege stehen den Lehrlingen dann innerhalb des Unternehmens offen?

Marcher: Das kann von Abteilungsleiterin bzw. Abteilungsleiter bis hin zum mittleren Management reichen.

medianet: 
Ist die Digitalisierung auch in Ihrem Gewerbe angekommen – und inwiefern ist dann die Lehrlingsausbildung davon betroffen?

Marcher: Eine Fleischerei wird immer ein Handwerksbetrieb bleiben und handwerkliche Lebensmittel auf hohem Niveau herstellen – das ist unsere Stärke. Die umgebenden Betriebsprozesse sind auf unterschiedliche Weise digitalisiert. Natürlich lernen unsere Lehrlinge sämtliche Abläufe kennen und sind somit auch in Digitalisierungsprozesse mit eingebunden. Wie bereits erwähnt, können unsere Lehrlinge auch eine Zusatzausbildung in der EDV abschließen.

medianet: 
Was halten Sie von Angeboten wie der überbetrieblichen Lehrausbildung bzw. der Übernahme von Lehrlingen aus der überbetrieblichen Lehre?

Marcher: Wir halten sehr viel von Angeboten dieser Art – sie sind unglaublich wichtig. Bei unseren Betrieben ist es jedoch nicht umsetzbar, da die Abläufe bei uns sehr spezifisch sind und die gesamte Ausbildung vor Ort stattfinden muss.

medianet: 
Seitens der Regierung wurde mit Stand Juni 2021 im Rahmen des Lehrlingsbonus ein Fördervolumen von rund 49,5 Mio. Euro an Unternehmen ausbezahlt, bei 12.915 Anträgen. Was halten Sie von dieser Initiative?

Marcher: Jede Initiative den Lehrberuf zu fördern, ist sinnvoll. Auch unsere Betriebe haben diesen Fördertopf genutzt.


Quelle: medianet.at