Neuigkeiten vom 12.07.2020

 "Der Angstmache und Fake News die Fakten entgegenstellen"

Wie sieht Österreichs Branchenprimus die Tönnies-Affäre? Nobert Marcher, Geschäftsführer der Marcher Fleischwerke in Villach, über die Auswirkungen auf Österreich, Arbeitskräfte aus Osteuropa, C0VID-Maßnahmen und die Zeit nach Corona.

Herr Marcher, wie bewerten Sie die aktuelle Situation beim deutschen Fleischproduzenten Tönnies?

Ich glaube, die Situation bei Tönnies ist hinlänglich bekannt – die starke Verbreitung des Corona-Virus in diesem Betrieb hat die gesamte Branche erschüttert – sowohl in Deutschland als auch in Österreich. Der Tönnies Betrieb in Rheda-Wiedenbrück gilt über die Grenzen Deutschlands hinaus als Vorzeigebetrieb hinsichtlich Technologie und Fortschritt – dass sich die Infektion so stark verbreiten konnte, ist ein tragischer Vorfall, der allen zu denken gibt.

Wie sehr betrifft das Einstellen des Schlachtbetriebs von Tönnies den österreichischen Markt bzw. Ihr Unternehmen?

Der deutsche Schweinefleischmarkt ist bekanntermaßen auch für Österreich der wesentliche Maßstab. Im betroffenen Tönnies Betrieb werden üblicherweise knapp 10 % aller deutschen Schweineschlachtungen durchgeführt, derzeit steht er still. Kurzfristig wird es wohl zu Ablieferverzögerungen bei den Landwirten kommen, aber grundsätzlich sollten die Kapazitätsreserven in den anderen deutschen Schlachtbetrieben ausreichen, um größere Staus zu vermeiden. Es ist aktuell völlig unklar, wann und in welchem Ausmaß der Betrieb wieder hochgefahren wird. Es ist auch nicht seriös abschätzbar, wie sehr sich die mediale Berichterstattung auf den Fleischkonsum auswirkt.

Die Organisation der Arbeitskräfte spielt in Zusammenhang mit Tönnies eine große Rolle. Was machen Sie hier anders oder besser?

Das deutsche System, wo fast ausschließlich mit Subunternehmern gearbeitet wird,  in Verbindung mit einem fehlenden Branchenkollektivvertrag hat dort prekäre Arbeitsverhältnisse begünstigt und die Lohnkosten für deutsche Schlachtbetriebe seit vielen Jahren deutlich nach unten gedrückt. Diesem Wettbewerbsnachteil standzuhalten stellt für alle Länder rund um Deutschland eine riesige Herausforderung dar. Im Gegensatz zu vielen deutschen Schlacht- und Zerlegebetrieben sind bei uns keine Wanderarbeiter beschäftigt. Viel mehr sind unsere Mitarbeiter in der Schlachtung und Zerlegung direkt angestellt. Die meisten von ihnen sind seit Jahren für unser Unternehmen tätig. Für alle unsere Mitarbeiter gilt der österreichische Kollektivvertrag, egal welcher Nationalität sie angehören. Unsere Schlüsselkräfte sind überwiegend Fleischerfacharbeiter und kommen als Tages- oder Wochenpendler aus Ungarn, Kroatien und Slowenien. Allen Mitarbeitern, die dies wünschen, stellen wir betriebseigene oder angemietete Unterkünfte zur Verfügung; dort sorgt unser Reinigungspersonal zwei Mal wöchentlich  für Sauberkeit und Ordnung, und unser Qualitätsmanagement überwacht dies. Etwa 20% unserer Mitarbeiter nutzen dieses Angebot, die anderen wohnen privat. Inwieweit in Deutschland die Situation in den Unterkünften oder die Umgebungsverhältnisse in den gekühlten Betriebshallen, in denen körperlich anstrengende Arbeit verrichtet wird, für die massive Ausbreitung des Virus ausschlaggebend ist, müssen die Behörden und die Wissenschaft klären. Wir nehmen nicht für uns in Anspruch, es besser zu machen, wir machen es anders.

Welche COVID-Maßnahmen hat ihr Unternehmen gesetzt? Was davon wird auch in Zukunft bleiben?

Seit Beginn der Corona-Krise bekamen die Mitarbeiter nahezu tägliche Hygieneanweisungen und Schulungen – am 27. Feber 2020 haben wir unseren COVID-19-Krisenstab eingerichtet. Unsere Maßnahmen – und diese wurden von uns nie gelockert – umfassen Maskentragen auch bei Besprechungen in den Büros, Homeoffice für zahlreiche Abteilungen, strenge Kantinenordnung, strenge Regelungen für die Heimfahrt etc. Ab sofort werden auch regelmäßige Fiebermessungen und Covid-Reihentestungen durchgeführt, um eventuelle Positiv-Fälle frühzeitig zu erkennen.

Wird sich die Fleischbranche durch Corona verändern? Wenn ja, in welche Richtung?

Nach einer sehr kurzen Phase als gefeierter Systemerhalter steht die Fleischbranche wieder einmal am Pranger und es hagelt Kritik von Medien, NGO’s und Konsumenten. Für uns ist es eine Verpflichtung, unsere Mitarbeiter bestmöglich vor einer Infektion zu schützen und unsere Arbeit – die Produktion eines hochwertigen Lebensmittels – bestmöglich zu leisten. Die momentane Krise wird kritische Konsumenten noch sensibler mit dem Thema umgehen lassen, und es werden sicherlich einige Konsumenten ihr Essverhalten überdenken und möglicherweise zu weniger Fleisch greifen. Ob das ein Trend auf lange Sicht wird, wird sich weisen. Wichtig wird sein, Angstmache und Fakenews Fakten zu entgegen zu stellen – das ist Aufgabe jedes einzelnen Betriebes und da sind auch Politik und Interessensvertretung gefordert.

Quelle: Kärntner Bauer